Wie könnte eine andere Lebensweise aussehen?

Von Ulli Sambor (aus der SOL Zeitschrift Sept. 2012, Nr. 149 aus dem Teil „Sustainable Austria“)

Im Mittelpunkt stehen der Mensch und die Natur, die Achtung ihrer Würde und die Ermöglichung eines guten Lebens für alle Menschen.

 Was macht mich selbst aus?

 Welche Achtsamkeit bringe ich mir selbst, anderen Menschen und der Natur entgegen?

 Was ist wirklich wichtig?

Andreas Salcher sagt: „Das Geheimnis der letzten Stunde ist die Begegnung mit dir selbst.“ Die wichtigsten Fragen in der letzten Stunde sind die nach Liebe, die man gegeben und empfangen hat, nach geglückten Beziehungen zu anderen Menschen, nach Authentizität und Wahrhaftigkeit. Habe ich den richtigen Lebensweg für mich gefunden? Hat mein Leben einen Sinn gehabt? Habe ich meine Berufung gefunden? Schlimm ist es, wenn man sie gefunden hat, ihr aber nicht gefolgt ist. Habe ich Hochverrat an meinen eigenen Lebensträumen begangen? Was ist aus meinem Idealismus geworden? Habe ich Zeit gehabt oder besser, habe ich mir Zeit genommen für das, was wichtig gewesen wäre? Für Kinder, Partner, Freunde, Fremde, dass auch sie sich ein inneres Lächeln bewahren konnten?

Was brauchen wir für ein gutes Leben?

Ist es wirklich Geld, Konsum, ein Zweitauto, noch einen Fernseher oder Computer, tausend technische Geräte, 1000 Freunde auf Facebook oder einfach einen anerkennenden Händedruck, ein gutes Gespräch, eine Umarmung? Ist uns bewusst, dass die schönsten Momente im Leben gratis sind und die meiste Kraft und Freude geben? Das Gezwitscher der Vögel, die Schönheit der Natur, der Duft des Brotes…

Wann haben wir eigentlich Zeit, uns mit solchen Gedanken zu befassen? Was haben wir schon alles verloren, ohne es zu bemerken? Wir lassen uns hetzen und zuschütten mit Dingen zur Erfüllung von künstlich hervorgerufenen Bedürfnissen, statt in uns hineinzuhorchen, um die echten Werte zu erkennen.

Was sehe ich in meinem „Nächsten“? Was, wenn ich diejenige wäre, die bettelnd am Straßenrand sitzen muss, die Jugendliche, die keine Zukunftsaussichten mehr hat, die Afrikanerin, die ausgebeutet wird, der Mensch, der vor Hungersnot und Dürre flüchtet, über das Meer auf einem Schlauchboot, das absichtlich versenkt wird, weil es Menschen gibt, die materiell nicht genug bekommen können und nicht teilen wollen?

Eine neue Lebensweise

Sie soll darauf Rücksicht nehmen, was den Menschen ausmacht, und darauf, was er für ein gutes Leben braucht, z.B. echte menschliche Werte, wie geliebt zu werden (und zu lieben), also Liebe; Vertrauen und Sicherheit zu haben (und zu geben), Anerkennung und Wertschätzung zu erhalten (und auszusprechen), Fürsorge und Solidarität. Das gilt aber auch für das Leben außerhalb der vier Wände. Es kann nicht sein, dass wir einen Schalter umlegen müssen, wenn wir die Wohnung verlassen und in die Welt hinausgehen. Dort müssen dieselben Werte gelten, wenn nicht die Ellbogentechnik auf das Privatleben abfärben soll.

 

Es gibt

– eine Ethik des Eigenwertes der Natur,

– eine Ethik des Genug und

– eine Ethik des guten Lebens für alle.

Wie fügt sich hier das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ein?

Das BGE mit seinen begleitenden Maßnahmen ist ein Baustein in einem Umwandlungsprozess.

Es schafft einen sozialen Ausgleich zwischen Arm und Reich (entsprechende Finanzierung). Es bewirkt, dass wir uns besser mit den Themen, die uns hautnah betreffen, beschäftigen können, es ermöglicht, unseren Reichtum an Fähigkeiten einzusetzen, und schenkt uns einen Reichtum als Wählen-Können zwischen Arbeit und Muße, als Kombinieren-Können von gewünschter Erwerbsarbeit und anderen sinnvollen Tätigkeiten. Mit einem BGE können wir leichter selbst bestimmen, wie wir leben möchten, und müssen uns nicht mit immer mehr Kontrolle, Druck und Zwang vorschreiben lassen, wie wir zu funktionieren haben.

Das BGE ermöglicht „Leben“ anstelle von „Funktionieren“.

Verschiedenste Aspekte des BGE wurden ja schon vorweg dargestellt. Eine Kurzzusammenfassung, wozu es einen Beitrag leisten kann, ist unter dem Titel „10 Gründe für ein emanzipatorisches BGE“ unter www.grundeinkommen.at zu finden.

Schon heute kann das Ringen um die Verwirklichung des BGE das Blickfeld weiten, das Denken schärfen, die Verantwortung für die eigene und die Würde aller Menschen (auch die kommender Generationen) stärken, respektvolle Begegnung mit unterschiedlichen Lebenskonzepten ermöglichen und die Suche nach weitergehenden Alternativen anspornen.

Erich Kitzmüller: „Grundeinkommen im Sinn von BIEN (Anmerkung: Basic Income Earth Network) meint auch den Hebel, der einen Wettbewerb zwischen dem Arbeitsmarkt (zwecks monetärer Bereicherung) und einer Fülle frei gewählter Tätigkeiten und Lebensweisen (zwecks Gut-Leben) anstößt und erzwingt. Die Technik dieses Hebels ist ein neues Teilen.“

Wenn wir allen Menschen das Recht auf ein gutes Leben zugestehen wollen (heute und in Zukunft), ist ein „Weiter wie bisher“ nicht möglich. Das BGE bietet die Möglichkeit eines totalen Perspektivenwechsels.

Das BGE mit entsprechenden Begleitmaßnahmen hilft den Menschen, ihr eigenes Leben selbst zu gestalten, aber auch dabei mitwirken zu können, eine Welt zu gestalten, die zukunftsfähiger und solidarischer ist als jetzt.

Sind das BGE und die neue Lebensweise eine Utopie?

Manche Menschen sind davon überzeugt, dass die „Mächtigen“ solche Änderungen nie zulassen werden. Es gibt aber Gegenbeispiele: Hätten Menschen je gedacht, dass ein allgemeines Wahlrecht durchsetzbar wäre gegen die damals Mächtigen? Wer hätte so schnell mit dem Berliner Mauerfall gerechnet?

Durch Passivität und Resignation werden wir natürlich nicht weiterkommen. Wir müssen handeln und uns für das BGE einsetzen. Wenn wir auf dem Weg stehenbleiben, uns nicht bewegen, besteht die Gefahr, unbeweglich zu werden, zu versteinern, im wahrsten Sinne des Wortes leb-los zu werden.

Warum viele Menschen dennoch einem Wandel kritisch gegenüberstehen, liegt, glaube ich, daran, dass Veränderung immer auch ein gewisses Risiko bedeutet.

Antoine de Saint-Exupéry („Der Kleine Prinz“): Die Rose, die sich vom (gewohnten) Glassturz befreit hat, sagt zum kleinen Prinzen: „Aber ja, ich liebe dich. Du hast nichts davon gewusst. Das ist meine Schuld. … Versuche, glücklich zu sein. …Lass diese Glasglocke liegen! Ich will sie nicht mehr.

 

„Aber der Wind …“ „Die frische Nachtluft wird mir gut tun. Ich bin eine Blume.“

„Aber die Tiere …“ „Ich muss wohl zwei oder drei Raupen aushalten, wenn ich die

Schmetterlinge kennenlernen will. …“

Was haben wir zu verlieren?

Ein System, von dem wir mit Sicherheit wissen, dass es nicht funktioniert.

Was haben wir zu gewinnen?

Ein Leben in unglaublicher Vielfältigkeit und Tiefe. Ein System, das Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellt und die Chance hat, zukunftsfähig zu sein.

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